Zahnarzt als Partner - "shared decision making"
Definition
Partizipative Entscheidungsfindung (PEF) ist ein Interaktionsprozess mit dem Ziel, unter gleichberechtigter aktiver Beteiligung von Patient und Arzt auf Basis geteilter Information zu einer gemeinsam verantworteten Übereinkunft zu kommen.
Kernelemente
partizipativer Entscheidungsfindung sind:
- Mindestens 2 Teilnehmer (Patient und i.d.R. Arzt) sind beteiligt.
- Informationsaustausch findet in beide Richtungen statt.
- Beide sind sich bewusst, dass und welche Wahlmöglichkeiten bezüglich der medizinischen Entscheidung bestehen.
- Beide Partner bringen ihre Entscheidungskriterien aktiv und gleichberechtigt in den Abwägungs- und Entscheidungsprozess ein.
- Beide Partner übernehmen für die Entscheidung Verantwortung.
Prozessschritte der partizipativen Entscheidungsfindung
- Mitteilung, dass eine Entscheidung ansteht
- Angebot der partizipativen Entscheidungsfindung/Rollen klären und Gleichberechtigung der Partner formulieren („Equality“)
- Aussage über Vorliegen verschiedener Wahlmöglichkeiten – „Equipoise“
- Information über Optionen (Vor- und Nachteile) ggf. "Decision Aids"
- Rückmeldung über Verständnis der Optionen und Erfragen weiterer Optionen aus Sicht des Patienten
- Präferenzen ermitteln ("First Choice")
- Aushandeln
- Gemeinsame (partizipative) Entscheidung
- Vertrag/Selbstverpflichtung (Plan zur Umsetzung der Entscheidung)
Wirkungen
In wissenschaftlichen Studien im angloamerikanischen Raum konnte gezeigt werden, dass die partizipative Entscheidungsfindung nachweislich positive Effekte auf die Therapietreue (Compliance), auf den Behandlungserfolg und die Patientenzufriedenheit hat. Ob sich diese Befunde auch in der deutschen Gesundheitsversorgung zeigen, und ob das Konzept hierauf übertragbar ist, wird derzeit in mehreren Forschungsprojekten überprüft.
Relevanz für die Zahnmedizin
Die Lebensqualitätsdiskussion hat auch vor der Zahnmedizin nicht Halt gemacht. Die Ausweitung der medizinisch-wissenschaftlichen Grundlagen innerhalb des Fachbereichs hat hier einen entscheidenden Anteil, denn Zahnmedizin versteht sich heute als orale Medizin, der Zahnarzt als Zahnarzt.
Mundgesundheit ist ein integraler Bestandteil der Allgemeingesundheit. Im Wesentlichen sind es fünf Aspekte:
- Gesunde Zähne bedeuten Wohlbefinden. Aspekte wie körperliche Integrität durch eigene Zähne, emotionales Wohlsein, Mund- und Gesichtsästhetik oder zwischenmenschliche Beziehungen spielen hier eine Rolle.
- Es gibt einen Zusammenhang zwischen Mundgesundheit und anderen Krankheiten.
- Die Bedeutung der Zähne wird vor allem im zunehmenden Alter immer wichtiger. Gesunde Zähne zu haben heißt, alles essen und richtig beißen zu können.
- Eine gute Mundgesundheit zu besitzen, hat einen hohen persönlichen Wert. Soziale Anerkennung und gutes Aussehen gehören dazu.
- Auch die Vermeidung von Angst vor der Behandlung ist ein großes Thema. Gesunde Zähne vermeiden auch andere Krankheiten und erübrigen die Angst vor dem Bohrer.
OHIP - Oral Health Impact Profile
Unter den Erfassungsinstrumenten zur Messung der mundgesundheitsbezogenen
Lebensqualität hat das Oral Health Impact Profile (OHIP - siehe Kasten)
mittlerweile einen herausragenden Stellenwert erlangt. Das am weitesten
verbreitete und methodisch anspruchsvollste Instrument wurde von Garry D. Slade
und A. John Spencer 1994 ursprünglich in Australien entwickelt. Es zeichnet sich
vor allem durch seine konzeptionelle Anlehnung an Modelle der Mundgesundheit
aus, welche orale Erkrankungen in unterschiedlichen Ebenen einschließlich ihrer
funktionellen, psychologischen und psychosozialen Auswirkungen beschreiben. OHIP
misst also die auf Mundgesundheit bezogene Lebensqualität.
Die verkürzte Version des deutschen Oral Health Impact Profile (OHIP-G 14) besteht aus 14 Fragen zu sieben Subskalen
Funktionelle Einschränkungen (Functional limitation)
Hatten Sie im vergangenen Monat Schwierigkeiten, bestimmte Worte auszusprechen aufgrund von Problemen, mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?Hatten Sie im vergangenen Monat das Gefühl, Ihr Geschmackssinn war beeinträchtigt aufgrund von Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Schmerzen (Physical pain)
Hatten Sie im vergangenen Monat Schmerzen im Mundbereich?
War es Ihnen im vergangenen Monat unangenehm, bestimmte Nahrungsmittel zu essen
aufgrund von Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem
Zahnersatz?
Psychisches Unwohlsein/Unbehagen (Psychological discomfort)
Hatten Sie im vergangenen Monat ein Gefühl der Unsicherheit in Zusammenhang mit
Ihren Zähnen, Ihrem Mund oder Ihrem Zahnersatz?
Haben Sie sich im vergangenen Monat angespannt gefühlt aufgrund von Problemen
mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder Ihrem Zahnersatz?
Physische Beeinträchtigung (Physical disability)
Ist Ihre Ernährung im vergangenen Monat unbefriedigend gewesen aufgrund von
Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Mussten Sie im vergangenen Monat Mahlzeiten unterbrechen aufgrund von Problemen
mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Psychische Beeinträchtigung (Psychological disability)
Hatten Sie im vergangenen Monat Schwierigkeiten zu entspannen aufgrund von
Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Haben Sie sich im vergangenen Monat ein wenig verlegen gefühlt aufgrund von
Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Soziale Beeinträchtigung (Social disability)
Waren Sie im vergangenen Monat anderen Menschen gegenüber eher reizbar aufgrund
von Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Ist es Ihnen im vergangenen Monat schwer gefallen, Ihren alltäglichen
Beschäftigungen nachzugehen aufgrund von Problemen mit Ihren Zähnen, im
Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Benachteiligung/Behinderung (Handicap)
Hatten Sie im vergangenen Monat den Eindruck, dass Ihr Leben ganz allgemein
weniger zufrieden stellend war aufgrund von Problemen mit Ihren Zähnen, im
Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Waren Sie im vergangenen Monat vollkommen unfähig etwas zu tun aufgrund von
Problemen mit Ihren Zähnen, im Mundbereich oder mit Ihrem Zahnersatz?
Links
http://www.wdr.de/themen/gesundheit/1/entscheidungshilfen_fuer_patienten/index.jhtml